Buchpreis Leipzig 2016 an Vesper und Goldstein und Döbert

Der Preis der Leipziger Buchmesse 2016 geht an Guntram Vesper, Jürgen Goldstein und Brigitte Döbert

QUELLE: PRESSEMEDUNGEN LEIPZIGER MESSE

Nachricht vom 17.03.16 | Preis der Leipziger Buchmesse, Leipziger Buchmesse / Lesefest Leipzig liest

Die Preisträger 2016 stehen fest: Guntram Vesper, Jürgen Goldstein und Brigitte Döbert erhielten heute in Leipzig den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung. Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse unter der Leitung von Kristina Maidt-Zinke hatte 401 Werke von 113 Verlagen zur Auswahl.

Kategorie Belletristik:

Guntram Vesper

Frohburg

Schöffling & Co.

Zur Begründung

Guntram Vespers Roman „Frohburg“ gehört zu den Büchern, bei denen man leicht, ganz schnell, auf die großen Begriffe kommt. Opus magnum. Mammutwerk. Solche Wendungen. Schließlich breitet Guntram Vesper eine umfangreiche Geschichtslandschaft vor uns aus, die von der Gegenwart aus die alte Bundesrepublik, die DDR natürlich, die Nazizeit umfasst und weit in die Geschichte Deutschlands zurückbindet, bis dahin, wohin nur noch die Geschichtsbücher reichen.

Es lohnt sich aber, bei diesem Roman nicht nur den großen Bau zu sehen, sondern auf die Ebene der Details zu gehen, die Ebene der einzelnen Sätze. Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit. Insgesamt folgen sie dabei einer Ästhetik des Verknüpfens. Man spürt beim Lesen manchmal gar nicht, wie gleitend diese Sätze einen durch die Zeiten und Geschichten, Namen und Schauplätze tragen.

Und genauso folgt der Roman auch auf der größeren Ebene dieser Ästhetik des Verknüpfens. Die große Geschichte – Weltkrieg, Einmarsch der Roten Armee, DDR-Alltag, auch Alltag des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs – wird mit dem Kleinen, der Geschichte Frohburgs und der eigenen Familiengeschichte verknüpft.

Wovon dieser Roman handelt, das ist letztendlich immer auch die Übermacht von Geschichte, Kriege, Systeme, historischer Wandel, der über die konkreten einzelnen Menschen hinwegrollt. Diese Erfahrung des 20. Jahrhunderts ist in dem Buch aufbewahrt, und zwar – und das ist wichtig – ohne aus den sogenannten kleinen Leuten Helden zu machen. Der Roman handelt aber auch von dem Erzähler, dem Verknüpfer, den Guntram Vesper der Übermacht an Geschichte entgegenhält. Auch der Erzähler hat, bei all seinem Können, nichts Heldisches, er ist ein, wie man bei diesem lebenssatten Buch mit Erstaunen immer wieder feststellen kann, erstaunlich junger, immer wieder von sich selbst überraschter Erzähler. Man glaubt ihm gern, dass seine Erzählungen wahr sind.

Der Autor

Guntram Vesper, 1941 in Frohburg geboren, lebt und arbeitet als freier Autor in Göttingen. Sein Lyrikdebüt „Fahrplan“ erschien 1964. Neben Gedichten verfasste er vor allem Hörspiele und Erzählungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet, u. a. mit dem Peter-Huchel-Preis 1985. 2006 erhielt er die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung.

Kategorie Sachbuch/Essayistik:

Jürgen Goldstein

Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt

Matthes & Seitz

Zur Begründung

Der Entdecker, Zeichner, Schriftsteller, Übersetzer und Revolutionär Georg Forster, der an James Cooks zweiter Weltumseglung teilnahm und 1793 die Mainzer Republik ausrief, hat die Leser mit seiner „Reise um die Welt“ betört. Jürgen Goldstein ist offenbar bei ihm in die Lehre gegangen. Seine Prosa ist anschaulich und unaufgeregt. Auf wunderbare Weise findet er genau das richtige Maß, sehr fein tariert er das Verhältnis von Originalzitaten und Deutung aus. Entschlossen tritt er hinter seinen Gegenstand zurück, der dadurch umso besser zur Geltung kommt.

„Zwischen Freiheit und Naturgewalt“ heißt das Buch im Untertitel. Es lässt jene kurze Episode des Globalisierungsprozesses aufleuchten, als Entdeckungen noch Verheißungen waren, noch nicht auf der Kippe, um in Verlustgeschichte umzuschlagen.

Auch Georg Forsters Leben endete mit einer Verlusterfahrung. Jürgen Goldstein fängt sie durch geschickte Montage wie ein Prisma ein. Die Tragik dieses politischen Naturschwärmers hat nichts Heroisches, sie wird gestreift von einer Art Sanftmut und Schicksalsergebenheit. Als leidenschaftlicher Jakobiner sitzt er am Ende seines Lebens allein in Paris und sieht durch die Jakobinische Schreckensherrschaft all seine Hoffnungen zerstört. Noch einmal versucht er, die Revolution als Naturereignis zu legitimieren, das sich – wie der Ausbruch eines Vulkans – nicht aufhalten lässt. In einem Brief an seine längst die Scheidung betreibende Frau schreibt er wahrheitsgemäß: „Aus der Ferne sieht alles anders aus, als man es bei näherer Betrachtung findet.“

Jürgen Goldsteins Forster-Buch ist mehr als eine Biografie. Es liest sich wie der Abenteuerroman eines Lebens, voller Erkenntnisse, die bis heute gültig sind.

Der Autor

Jürgen Goldstein, geboren 1962 in Beckum, lehrt als Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Aspekte der Politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, die Konstitution der neuzeitlichen Subjektivität und Rationalität, u.a. bei Hans Blumenberg und Descartes, sowie die Geschichte der Naturwahrnehmung. 2013 erschien „Die Entdeckung der Natur“ bei Matthes & Seitz Berlin. Für „Georg Forster“ erhielt er im Herbst 2015 den Gleim-Literaturpreis.

Kategorie Übersetzung:

Brigitte Döbert

Die Tutoren von Bora Ćosić

Schöffling & Co.

Zur Begründung

Unübersetzbar: Es gibt Bücher, denen dieser Ruf vorauseilt, als wäre es ihr Schicksal. Ein trauriges Schicksal, denn es würde bedeuten, dass es aus der Sprache seines Ursprungs nicht heraus kann, und ein umso traurigeres, wenn diese Sprache nicht groß ist. Aber manche Übersetzer und Übersetzerinnen fühlen sich gerade durch solche 8000er der Literatur herausgefordert. So erging es offenbar auch Brigitte Döbert, die das Opus magnum des serbischen Autors Bora Ćosić ins Deutsche gebracht hat: Die Tutoren. Es ist ein Buch, das fünf Generationen, 150 Jahre und eine unglaubliche Menge von Personal umfasst.

Brigitte Döbert hat viel Zeit und Herzblut in dieses Projekt gesteckt, sie hat recherchiert, wie es so flächendeckend erst heute, im Zeitalter des Internets, geht, um noch den obskursten Anspielungen nachzuspüren, und für jede Nuance den eigenen Ton gefunden. Außer von der Pflicht zur Genauigkeit hat sie sich auch von jener Kühnheit leiten lassen, die man braucht, wenn man dem weit entfernten Fremden in der neuen Sprache eine Heimat schaffen will.

Der Autor

Brigitte Döbert, geboren 1959 in Offenbach am Main, ist freiberufliche Lektorin, Autorin und Literaturübersetzerin aus dem Bosnischen, Englischen, Kroatischen und Serbischen. Sie übersetzt neben Bora Ćosić u. a. Dževad Karahasan, Roman Simić, Dragan Velikić und Miljenko Jergović. Döbert hat zahlreiche Stipendien erhalten, darunter das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2012 war sie für den Brücke-Berlin-Preis nominiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin. […]

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Timo Snow in der „Fuldaer Zeitung“

Die Fuldaer Zeitung hat am 9.3.2016 einen längeren Artikel über den Autor Timo Snow und seinen Roman „Marie Malheur und das große Mundwerk“ veröffentlicht.

„Darf’s noch ein bisschen absurder sein? Autor Timo Snow aus Hattenhof im Gespräch“, so lautet die Überschrift.

Der Artikel ist von der Journalistin Ricarda Dieckmann.

Unter anderem heißt es da:

„Ich gehe im Kopf alle Varianten durch. Dann entscheide ich mich für die krasseste.“ Genau zwei Sätze braucht Timo Snow, um zu erklären, wie er zu seinen skurrilen Geschichten kommt. Mit seinem aktuellen Roman „Marie Malheur und das große Mundwerk“ will der Neuhofer in der Literaturszene Fuß fassen.

Snow hat sein Buch im Januar 2016 auf Papier veröffentlicht, das E-Book erschien zusätzlich im Februar 2016.

Der Hessische Rundfunk berichtete berichtete am 18.2. über den Autor und sein skurriles, absurdes, abgedrehtes und auch verrücktes Buch.

ZITATE AUS DEM BUCH:

Kurz herrschte bedrückendes Schweigen, welches der Zwerg für eine weitere Bahn zu nutzen wusste. Er hackte sich einen Brocken reinstes Duracell klein, zog sich mit einer Plastikkarte  einer  Videothek  eine  Line,  die  er  mit  einem  festen Nasenrupp verschwinden ließ. SEITE 150
Jetzt wurde alles hektisch. Die Hand mit dem Handy verschwand, die Tür der Nachbarkabine wurde aufgerissen und jemand rannte davon. »Was ist denn los?«, fragte das Mädchen. Hubertus hatte keine Zeit für eine Antwort. Er schloss seine Hose, sprang aus der Kabine und nahm die Verfolgung auf. SEITE 160
Wuchtig  riss  Paddy  die  Tür  einer  heruntergekommenen Kneipe auf, die sich Gleis 24 nannte. Der Name war dem Umstand zu verdanken, dass die Schenke rund um die Uhr geöffnet hatte. Die Besucher waren meist Asoziale und obdachlose Penner,  die  der  Kälte  entfliehen  oder  durchsaufen  wollten. Die Creme de la Schäm der untersten Gesellschaftsschicht. SEITE 202

Gigaprojekt: WDR-Vertonung von „Unendlicher Spaß“

Der WDR plant ein Giga-Mammut-Projekt, Umsetzung hat schon begonnen:

Der 2000-Seiten-Roman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace wird als Hörspiel produziert, über dass Internet und mit Laien.

Bei der SZ liest man dazu: >>„Es soll das größte Hörspiel aller Zeiten werden; 100 Stunden lang, vielleicht sogar noch länger. Allein für die Fußnoten sind acht oder neun Stunden vorgesehen“, beschreibt Stefan Fischer in seinem Beitrag auf sueddeutsche.de die Dimensionen des WDR-Projekts. Dessen – ebenfalls umfangreicher – Titel: „Das größte Hörspiel aller Zeiten von Andreas Ammer, Andreas Gerth & Acid Pauli mit dem Roman ‚Unendlicher Spaß‘ von David Foster Wallace und mit Ihnen“.<<

Der Roman soll mit Laien inszeniert werden.

„Nur das erste Kapitel haben wir mit professionellen Schauspielern eingesprochen, damit mal was da ist“, heißt es.

Jeder, der möchte, kann eine der mehr als 1500 Seiten des Romans lesen.

Dazu wurde die Website http://www.unendlichesspiel.de geschaffen, über die die Teilnehmer die Sprachaufnahmen abwickeln können.

Ausgedacht, die Maschine konstruiert und die Musik entworfen haben Andreas Ammer, Andreas Gerth & Acid Pauli (Martin Gretschmann). Der Westdeutsche Rundfunk hat das Projekt produziert. Co-Produzenten sind: BR Hörspiel und Medienkunst, Deutschlandfunk, der Verlag Kiepenheuer & Witsch, der die Rechte zur Verfügung gestellt hat und die Filmstiftung NRW, die das Projekt gefördert hat. Die Redakteurin ist Christina Hänsel. Die Programmierung liegt in den Händen von Lukas Hartmann, das Design stammt von Maneki Neko, um die aktuelle Mischung von Text und Musik kümmern sich Andreas Ammer & Andreas Gerth.

DAS DEBÜT interviewte Autorin Katja Schraml

Der Blog über DEBÜT-Bücher oder Bücher von Menschen, die mit ihren Romanen debütieren, hat nun auch die Autorin Katja Schraml interviewt.

Das Gespräch wurde am 7.3.2016 auf dem Blog veröffentlicht.

Janine Gremmel hat die Fragen gestellt.

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KLEINER AUSZUG:

>>Glaubst du, es fehlte der Mut, Experimentelles zu veröffentlichen?

Das kann ich nicht sagen. Mut, Markt, Meinung – da spielen wohl mehrere Faktoren eine Rolle, nicht zuletzt finanzielle.<<

>>Wie kann man sich deinen Schreibprozess vorstellen?

Es gibt verschiedene Phasen, nachdem einen die Idee getroffen hat. Schreiben, Strukturieren, Recherchieren … und dann wieder von vorne … Umschreiben, Umstrukturieren, Nachrecherchieren … Jegliches hat seine Zeit.<<

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Nachzulesen ist das ganze Interview auf der Blog-Seite:

https://dasdebuet.com/2016/03/07/interview-katja-schraml/

Katja Schraml veröffentlichte im KUUUK-Verlag den Roman „Josef der Schnitzer Stumpf“.

Dieser Roman ist das Debüt, weshalb und wozu „Das Debüt“ die Autorin befragte.

DAS DEBÜT schreibt in seinem BLOG unter der Rubrik „Was wir wollen“:

>>Debüt-Romane haben es auf dem Buchmarkt nicht immer leicht. Viele Leser halten an Altbewährtem fest oder bemerken die neuen Stimmen der Literatur gar nicht erst, weil vor allem den kleinen Verlagen oft die finanziellen Mittel fehlen, um die Erstlingswerke ihrer Autoren in der literarischen Öffentlichkeit zu positionieren. Doch auch wenn sie nicht immer präsent scheinen, es gibt jedes Jahr eine faszinierende Vielfalt an Debüt-Romanen, die es zu entdecken gilt.

Zwischen Open-Mike, Ingeborg-Bachmann-Preis und dem in der Rezension angepriesenen “überraschenden” Debüt wollen wir für euch den Überblick behalten, diesen einen besonderen Moment würdigen und gezielt darauf aufmerksam machen.

Kritisch und unverstellt werden wir in Rezensionen, Interviews und Diskussionen etc. für euch berichten und euch regelmäßig über Neuerscheinungen informieren.

Wir freuen uns auf anregende Diskussionen, Veranstaltungen und hoffen auf eure Unterstützung.<<