Aus dem Goethe-Werther wurde ein Neo-Werther

Das konnte man so nicht erwarten. Ein Buch, das seit 1774 da ist, gedruckt erstmals dann da, erscheint 2019 ganz neu und ganz anders.

Der Grund ist eine sprachkünstlerische Intervention. Es ging dem „Bearbeiter“ des Werks, Klaus Jans, darum, Sprechblasenmaterial einzuarbeiten, also 3 zusammenhängende Worte, die ganz dem Zeitgeist entsprechen, die man in jeder Talkshow oder bei jedem Interviewauftritt benutzen kann/könnte, ohne groß aufzufallen. Massensprachware mit moderner Attitüde. Auch bei Diskussionen mit #fridaysforfuture-Menschen einzusetzen.

Und nun finden wir alle 3 Worte als Wortkombi immer wieder, wieder und wieder, in Goethes Werther wieder.

Es entstand das Buch:

Goethe alias die Leiden des jungen Werthers in der globalisierten Welt
MIT DEM UNTERITEL Neo-Werther und Neo-Roman durch sprachliche Intervention

Auf 35 extra Seiten Vorbemerkungen vorab können wir genau lesen, welche Geschichte der Veränderungen, Abänderungen und Verfälschungen wir beim Werther zu beklagen haben, über die Jahrhunderte. Nun aber liegt eine Intervention ins Werk vor, die sich frech dazu bekennt. Also eine absichtliche und dazu auch noch bekanntgemachte Veränderung. (Selten passiert so etwas!)

Auf diese Weise soll natürlich ein Bewusstsein über Sprache geschaffen werden. Es geht um Sprache als Füllmittel, um Sprache als Betrug, um Sprache als Manipulation, um Sprache als Blendung … und vieles mehr. (Außerdem hat die „globalisierte Welt“ noch eine feine Bedeutungsdopplung in sich drin, etwas weißer Schimmel reitet also auch noch.)

Was man sich nicht vorstellen kann, ist … dass nun in jeden Satz des Buches dieses Wort-Kombination eingebaut wurde, und dass es zudem auch noch grammatisch an allen Stellen funktioniert!!! Das ist aufregend neu! Und zugleich ganz einfach erstellt.

Die deutsche Sprache kommt also nun höchst variabel daher. Das Buch ist eine Werbung für das Lego-Prinzip, mit welchem man/frau doch einige Sätze bauen und umbauen … bzw. auch mal schön erweitern kann.

Der Neo-Werther hat also etwas von Literatur, etwas von Kunst und etwas von Sprache. Sprachkunst zudem. Ein absolut ungewöhnliches Experiment. Absolut erfreulich aber auch!

Man ist gespannt, wie sich Goethe-Klassizisten zu dem Werk verhalten werden. Denn so einen Ansatz an und um und für den „Großen“ aus Weimar kannte man bislang nicht. Schon Warhols Siebdrucke waren dieser Geisteswelt als „Geisterwelt“ anfangs ja ziemlich fremd. (Heute findet man sie in fast allen Museums-Shops.)

Eher geht es in der tradierten Zu-Goethe-Literatur um Ausdeutungen von Goethes Werk, auch um Einordnungen, um seine Impulse für die damalige Zeit in den diversen Wissenschaften, zudem um Verbindungen von Goethe mit und zu bestimmten Zeitgenossen, bis hin zu der Verarbeitung der jeweiligen Briefwechsel, die der Nachwelt vorliegen.

>>Goethe alias die Leiden des jungen Werthers in der globalisierten Welt<< sorgt da für frischen Wind. Danke. Das tat gut.

Werbeanzeigen