Schwesternschere (von Carmen Gauger) als Schwesternroman und Vogtland-Familiensaga

Natürlich haben wir alle eine Familie. Sie kann groß sein, sie kann klein sein. Aber eine Familie gibt es immer. Dazu die vielfältigsten Dinge, die in diesen Familien passieren. Geburt, Hochzeit, Tod sind nur markante Wegpunkte.

Carmen Gauger hat die Fiktion genutzt, um eine Familiengeschichte zu beschreiben. Wie so oft in Romanen, scheint das eine oder andere von wirklich Erlebtem inspiriert. Zugleich ist aber vieles fiktional neu geschichtet und fein verstrickt.

Endlich befinden wir uns mal nicht in einer Metropole. Sondern der Kern des Buches ist der kleine Ort „Schacht“ (Kunstname) … und dann ein Haus in diesem Ort (irgendwo im Vogtland).

Wir beobachten nun die eine Schwester, die uns subjektiv ihre Sicht der Dinge schildert. Kernfrage: Was wurde bis heute aus dieser Familie? Warum sind die Schwestern nun so uneins, nein, so verstritten?

Wie gestaltete sich die Familie, als die Eltern älter wurden, als die Eltern krank wurden?

Was war mit der Zeit davor? Wie kamen diese Leute ins Vogtland? Was machte der Vater im Krieg? Welche (formale) (symbolische) Rolle spielt das Haus, dass dann in Erbstreitigkeiten verwickelt wird, die sich eigentlich über Jahrzehnte hinziehen, denn es gibt das Elternversprechen???

Das Ganze wird anfangs recht „harmlos“ geschildert, ein Familientreffen, aber mehr und mehr werden die Leserinnen und Leser dann in all das hineingezogen. Die Autorin Carmen Gauger benutzt klug auch andere Textsorten wie Tagebucheinträge, Gedichte, Mails, Liedzeilen … auch Kriegserinnerungen des Vaters, um uns die große Vielfalt einer Familie aufzuzeigen, ja, Milda (die Erzählerin) taucht auch noch in die Generation der Großeltern ein.

Und sie (ver)schafft uns eine Vielfalt von Gefühlen, Gedanken, Erlebnissen, eine Masse von Eindrücken, die uns zeigen: Wie verarbeitet ein Mitglied der Familie eben diese Gesamtfamilie, sobald man mal zu schreiben und zu berichten anfängt. Was geht im Kopf und im Herzen vor? Wieso sagt man mal A, und dann wieder B?

Diese Vielfalt, dieser Sturm der Gedanken und Gefühle, das ist eine bedeutsame Stärke dieses Buches. Vielleicht kann auch nur eine Frau so etwas aufschreiben, weil dieses Hin und Her von allem in allem in dieser Konzentration (und damit auch Anstrengung für den Alltag) vielen Männern immer ein verborgenes Rätsel bleiben wird.

„Schwesternschere“ zeigt das (teilweise) Auseinandergehen einer Familie über Jahrzehnte und das „dicke“ Zerwürfnis von zwei Schwestern. Eine Art Familiensaga. Manche halten nämlich doch dann wieder zusammen. Teile der Familie.

Aber es ist stets eine „heutige Familie“, die auch die DDR und die Wiedervereinigung durchlaufen hat. Ziemlich normale Leute. Die ihren Weg auch im neuen Deutschland finden mussten, immer noch müssen, mit Kindern, die schon fast selber nicht wissen, wie das DDR-Leben war, oder das Leben im II. Weltkrieg, oder das Leben davor.

Die Menschen wandeln sich, aber die Probleme sind irgendwie ähnlich. Immer wieder. Aber doch bei jeder Familie dann etwas speziell.

Carmen Gauger

Schwesternschere

Eine verletzte Familie. Roman

342 Seiten

ISBN 978-3-96290-020-5

Autor: verlagsdinge

Bücher, die es zu lesen gilt. Lesen gilt immer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s